Wo Frauen im Leistungssport Männer übertreffen – und warum ihr Potenzial lange unterschätzt wurde
Lina Soffner
09.Januar 2026

Lange Zeit galt im Leistungssport eine scheinbar einfache Regel: Männer sind schneller, stärker, besser. Doch dieses Bild beginnt zu bröckeln. Immer häufiger zeigen Athletinnen Leistungen, die nicht nur beeindruckend sind, sondern Männer in bestimmten Disziplinen sogar übertreffen. Der Blick auf aktuelle Beispiele, sportwissenschaftliche Erkenntnisse und den Stand der Forschung zeigt: Die Leistungsfähigkeit von Frauen wurde systematisch unterschätzt.
Wenn Frauen neue Maßstäbe setzen
Fünf Turnelemente sind nach ihr benannt und werden bis heute nur von ihr selbst beherrscht: Simone Biles. Mit einem gestreckten Doppelsalto mit halber Schraube („Biles“) und einem gehockten Doppelsalto mit drei Schrauben („Biles II“) hat sie das Turnen nachhaltig verändert und die Grenzen des Machbaren neu gezogen. Auch außerhalb klassischer Wettkämpfe schreiben Frauen Sportgeschichte: Die österreichische Kletterin Barbara Zangerl durchstieg die Route Freerider am El Capitan im Yosemite-Nationalpark im ersten Versuch – eine Premiere, unabhängig vom Geschlecht.
Im Ausdauerbereich häufen sich ähnliche Beispiele. Die Trailrunnerin Tara Dower stellte 2024 einen neuen Rekord auf dem Appalachian Trail auf und unterbot die bisherige Bestzeit eines Mannes. Die Ultraläuferin Jasmin Paris gewann das legendäre Montane Spine Race über 431 Kilometer gegen ein rein männliches Starterfeld. Und auch im Freiwasserschwimmen, etwa bei extremen Kanalquerungen, liegen Frauen teils vor der gesamten Konkurrenz.
Fünf motorische Fähigkeiten – und wo Frauen Vorteile haben
Die Sportwissenschaft unterscheidet fünf grundlegende motorische Fähigkeiten: Kraft, Schnelligkeit, Koordination, Beweglichkeit und Ausdauer. In Kraft und Schnelligkeit haben Männer aufgrund biologischer Faktoren wie höherer Muskelmasse, größerem Testosteronspiegel und anderer Muskelfaserverteilung klare Vorteile wie unter anderem ein ein Experten-Konsensterklärung des American College of Sports Medicine belegt. In Koordination gibt es kaum Unterschiede.
Doch bei Ausdauer und Beweglichkeit zeigen Frauen messbare Stärken. Studien belegen, dass Frauen im Durchschnitt über einen höheren Anteil sogenannter Typ-1-Muskelfasern verfügen. Diese roten Muskelfasern sind besonders ermüdungsresistent und für aerobe Belastungen optimiert. Sie ermöglichen eine effizientere Energienutzung, vor allem durch einen stärker ausgeprägten Fettstoffwechsel. Gerade bei sehr langen Belastungen wie Ultraläufen, Langdistanzschwimmen oder mehrstündigen Kletterrouten, kann das zum entscheidenden Vorteil werden.
Regeneration, Stoffwechsel und Hormone
Ein weiterer, lange unterschätzter Faktor ist die Regenerationsfähigkeit. Forschungsergebnisse zeigen, dass Frauen sich nach intensiver Belastung oft schneller und nachhaltiger erholen. Östrogen wirkt muskelprotektiv und entzündungshemmend, was je nach Zyklusphase die Regeneration zusätzlich begünstigen kann.
Zudem wechseln Frauen unter Belastung früher vom Kohlenhydrat- in den Fettstoffwechsel. Da Fettreserven nahezu unbegrenzt verfügbar sind, während Glykogenspeicher begrenzt sind, erklärt das, warum Frauen auf langen Strecken ihr Tempo oft konstanter halten. Eine Analyse großer Marathon-Datensätze zeigt, dass Männer in der zweiten Hälfte des Rennensim Durchschnitt rund 14 % langsamer werden, Frauen hingegen nur etwa 11 %.
Beweglichkeit: Vorteil mit Risiko
Auch bei der Beweglichkeit liegen Frauen vorne. Hormonelle Einflüsse sorgen dafür, dass Bänder, Sehnen und Muskeln elastischer sind. Das ist ein klarer Vorteil in Sportarten wie Turnen, Tanz, Eiskunstlauf oder Gymnastik. Gleichzeitig erhöht diese Gewebelaxizität aber auch das Verletzungsrisiko etwa für Kreuzbandrisse, die bei Frauen deutlich häufiger auftreten, wie Studien zeigen.
Interessant: Andere Strukturen, wie die Achillessehne, sind bei Männern anfälliger (USZ, 2024). Leistungsfähigkeit ist also kein eindimensionales Konzept, sondern ein komplexes Zusammenspiel biologischer Faktoren.
Die größte Lücke liegt nicht in der Leistung, sondern im Wissen
Warum dominieren Männer trotzdem viele Sportarten? Ein Teil der Antwort liegt in anatomischen Voraussetzungen wie Körpergröße oder Schrittlänge. Doch ein mindestens ebenso großer Faktor ist strukturell: ein massiver Gender Data Gap in der Forschung. Nur rund 6% sportwissenschaftlicher Studien untersuchen Frauen gezielt. Trainingspläne, Ernährungsempfehlungen und Präventionsprogramme wurden jahrzehntelang am männlichen Körper entwickelt und dann auf Frauen übertragen.
Die US-Sportphysiologin Stacy Sims bringt es auf den Punkt: „Women are not small men.“ Zyklusbasierte Trainingssteuerung, angepasste Kraftprogramme im Jugendalter oder geschlechtsspezifische Ernährung könnten enorme Leistungsreserven freisetzen, werden aber erst seit wenigen Jahren ernsthaft erforscht.
Denn Professionalisierung wirkt, wie am Beispiel vom Frauenfußball deutlich wird. Daten der FIFA zeigen, dass sich im Frauenfußball Parameter wie Sprint- und Schussgeschwindigkeit von Weltmeisterschaft zu Weltmeisterschaft deutlich verbessern. Nicht, weil sich der weibliche Körper verändert hat, sondern weil Training, Professionalität und Förderung zunehmen.
Zeit für einen Perspektivwechsel
Die Frage ist längst nicht mehr, ob Frauen leistungsfähig genug sind. Die entscheidende Frage lautet: Was wäre möglich, wenn Frauen im Sport unter fairen, wissenschaftlich fundierten Bedingungen trainieren und antreten könnten?
Die Leistungslücke zwischen den Geschlechtern mag in manchen Disziplinen bestehen bleiben. Die Wissenslücke über Frauen im Leistungssport ist jedoch deutlich größer und sie zu schließen, ist eine der wichtigsten Aufgaben für Sport, Wissenschaft und Gesellschaft.
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